aus der Presse ... EKS wechselt auf 80 Minunten-Stunden

21.06.2018

von Claudia Kleimann-Balke

 

Erich Kästner-Schule fährt neues Konzept

 

SILBERSTEDT (ckb) „Für uns ist das gerade eine sehr spannende Zeit, die viele Herausforderungen mit sich bringt“, verrät Ulf Raddatz, „aber wir sind uns sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Den Weg, von dem der Schulleiter der Erich Kästner-Schule spricht, ist nicht weniger, als die neue pädagogische Ausrichtung der Gemeinschaftsschule. „Wir haben gemerkt, dass unsere bisherige Art zu unterrichten nicht mehr alle Schülerinnen und Schüler erreicht. Deshalb wollen wir rechtzeitig gegensteuern.“

 

Ulf Raddatz und sein Kollegium beschwören weder den ausgebrochenen Bildungsnotstand herauf, noch sorgen sie sich um die PISA-Studie. „Uns geht es darum, wieder dichter an unsere Schülerinnen und Schüler heranzukommen, die Bindungen zu stärken und gezielter auf sie einzugehen“, erklärt Konrektorin Astrid Messer. Die Schüler von heute sind mit sozialen Netzwerken und digitalen Medien aufgewachsen. Sie stellen neue Ansprüche an ihr Umfeld und haben andere Kompetenzen, als die Generation zuvor. Kurz gesagt, sie haben sich verändert. Die logische Schlussfolgerung dieser Tatsache liegt in der Veränderung der Schule. „Die Schule muss sich einem Wandel unterziehen“, betont Astrid Messer, „verändern wir uns nicht, verlieren wir den Kontakt zu unseren Schülern.“ Mit dieser Erkenntnis befinden sich die Lehrer der EKS in guter Gesellschaft. Weltweit werden die veränderten Voraussetzungen für gutes Lernen studiert und neue Konzepte erarbeitet. Vielerorts ist die umfangreiche Studie des neuseeländischen Pädagogen John Hattie dafür Grundlage. Der Professor für Erziehungswissenschaften (University of Melbourne) fasste vor rund zehn Jahren über 50.000 Studien zusammen, um herauszufinden, welche Voraussetzungen Kindern beim Lernen helfen. „Wir werden nach den Sommerferien einige seiner Erkenntnisse in der Praxis umsetzten“, erklärt Koordinator Christoph Jacobsen.

 

Den Beginn macht die Absage an die klassische 45minütige Unterrichtsstunde. „Wir steigen auf drei, beziehungsweise dreieinhalb, Blöcke je 80 Minuten um“, erklärt Christoph Jacobsen, „dieses Modell verschafft uns effektiv mehr Lernzeit. Gerade in Fächern wie Physik, Technik oder Sport geht viel Zeit durch Vorbereitungen verloren. Ist man mitten drin klingelt auch schon die Schulglocke. Wir haben kaum Zeit uns auf ein Thema richtig einzulassen.“ Auch die Hausaufgabenkontrolle verschlingt wertvolle Zeit und sowieso steht die Frage nach dem Sinn von Hausaufgaben bei Pädagogen längst auf dem Prüfstand. „Besser ist es doch, schon im Unterricht zu begreifen und so eine höhere Lerneffizienz zu erreichen“, ergänzt er. Auf Hausaufgaben soll in Zukunft verzichtet werden – abgesehen von Projektarbeiten und dem lernen von Vokabeln. Auch die Konzentration auf drei Fächer pro Tag bringt Vorteile: Man bleibt länger gemeinsam an einem Platz. Das sorgt für deutlich mehr Ruhe im Schulalltag.

 

Unterbrochen werden die Blöcke von einer 35minütigen Studienzeit, in der eigenverantwortlich einzeln oder leise in Gruppen gearbeitet wird. Die Lehrkräfte stellen einen passenden Pool Übungsaufgaben zusammen. Aber auch die Arbeit an individuellen Projekten, Forschungsaufgaben oder Referaten ist erlaubt. „Ziel ist es, Begabungen, Interessen und die Verantwortung für das eigene Lernen zu fördern. Dafür werden zum Beispiel Zeitpläne für die fristgerechte Erledigung der Aufgaben festgelegt“, erklärt Astrid Messer. Begleitet wird die Studienzeit vom Klassen- oder Hauptfachlehrer, der jederzeit unterstützen kann. Er wird an dieser Stelle zum Coach und Lernberater, denn natürlich wird bei Bedarf auch an Beseitigung von Defiziten gearbeitet. Individuelle Gespräche schaffen gegenseitiges Vertrauen und sorgen für eine intensivere Bindung zwischen Lehrern und Schülern – nach Hattie übrigens zwei für das Lernen immens wichtige Faktoren.

 

Kollegium, Eltern- und Schülervertreter haben sich eingehend mit unterschiedlichen pädagogischen Modellen befasst. Sie haben sich verschiedene Optionen in der Praxis angesehen und sich in der Schulkonferenz einstimmig für dieses Modell entschieden.

„Wir sind uns einig und möchten für unsere Schülerinnen und Schülern gute Voraussetzungen für das Lernen anbieten“, fasst Ulf Raddatz zusammen. Ganz realistisch rechnet er mit einer Übergangsphase von etwa zwei Jahren. „Sicher werden wir an der einen oder anderen Stellschraube auch nachjustieren müssen. Aber ich bin sicher, dass es sich lohnt – und ich weiß mein großartiges Kollegium hinter mir.“

 

BU
Neues pädagogisches Konzept nach den Sommerferien: Christoph Jacobsen, Astrid Messer und Ulf Raddatz (v.l.) freuen sich nach viel theoretischer Arbeit nun auf die Praxis.